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20.7.2019 : 9:36

Ausführliche Meldung

Zu Fuß von Mainz nach Masuren

Johann Jotzo will die alte Heimat in vierzig Tagen erreichen - und sucht Sponsoren

MAINZ. Immer, wenn Johann Jotzo an die Vertreibung denkt, kommen die alten, bösen Erinnerungen wieder hoch. Das, was damals geschah, hat ihn gezeichnet. Bei Kriegsende 1945 war Jotzo zwölf Jahre alt. Zusammen mit seinen Eltern musste er die Heimat in Ostpreußen verlassen.

In Mecklenbuig blieben sie hängen. Der Vater, Landwirt von Beruf, wurde Verwalter auf einer Staatsdomäne und auch der Sohn musste schuften für die Sowjetarmee. Holztransporte im großen Stil beförderten "russische Eichen" ostwärts. Eine Tortur, zuviel für den weichen Knochenbau des jungen Johann. Eine Wirbelverschiebung, damals noch unbemerkt, war die Folge.

1952 siedelte die Familie in den Westen über und Johann trat in die Fußstapfen des Vaters. Als Landarbeiter und Traktorist verschlug es ihn bis in die Schweiz. Harte körperliche Arbeit wurde zur Gewohnheit. Nach Feierabend drückte er die Schulbank, um Defizite im Schreiben und Rechnen auszugleichen. Mit viel Einsatz brachte er es bis zum Landwirtschaftsmeister und stellvertretenden Wirtschaftsinspektor an der Lehranstalt Neumühle. 1958 forderte die deformierte Wirbelsäule ihren Tribut. Unerträgliche Schmerzen machten schwere Arbeit wie bisher unmöglich. Vom Feld ging es direkt in die Klinik.

Eine lange Reihe von orthopädischcn Behandlungen und Kuren schloss sich an, ohne dass eine dauerhafte Besserung eintrat. "Mit 50 Jahren sind Sie gelähmt", so lautete die niederschmetternde Prognose der Ärzte. Johann Jotzo ließ sich nicht unterkriegen. 1960 ging er nach Bad Kreuznach, an die dortige Landwirtschaftliche Versuchsanstalt, und bildete sich weiter. Er arbeitete in der Dünger- und Sortenprüfung und führte Betriebsberatungen durch. Mit 40 Jahren machte er sein Examen als Agraringenieur und publizierte Ergehnisse seiner Arbeit in Fachzeitschriften, was zu Kontroversen mit dem rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium führte. Eben dieses Minisierium holte Jotzo 1979 nach Mainz. Dort arbeitete er bis zum Erreichen des Ruhestands 1998 als Sachbearbeiter, zuletzt zuständig für EU-Richtlinien.

Der berufliche Weg ist freilich nur ein Teil der Lebensgeschichte Johann Jotzos. Mit großem Engagement widmet er sich bis heute der kirchlichen Jugendarbeit. Begonnen hatte es in Bad Kreuznach. Als damals jüngster Presbyter (Kirchenvorstand) wurde der 38-jährige Johann Jotzo kurzerhand mit der gemeindlichen Jugendarbeit betraut. Keine Ahnung habe er damals gehabt, erzählt er. Allein, man wollte diesen Einwand nicht gelten lassen. "Es hieß nur: 'Du machst das schon.'" Und er machte. Gemeinsam mit seiner Frau: "Sie hatte die Ideen und wir haben sie zusammen umgesetzt."

In dieser Situation kam Jotzo mit dem CVJM in Kontakt. Eine Begegnung, die für alles Folgende, entscheidend sein sollte. "Eine neue Welt tat sich für mich auf", bekennt Jotzo. Die dort gepflegte Art des Umgangs mit Jugendlichen haben ihn ebenso beeindruckt, wie die Professionalität in Gruppenaufbau und -leitung. Er gründete den ersten Ortsverein in Bad Kreuznach.

Nach seinem Umzug wurde Johann Jotzo auch in Mainz zum CVJM-Pionier. Auf dem Hartenberg, in Bretzenheim, Hechtsheim und in der Melanchthongemeinde entstanden auf seine Initiative hin zahlreiche Gruppen. Johann Jotzo ist ein gläubiger Mann, ohne davon viel Aufhebens zu machen. Sein Leben sieht er unter

die Gnade Gottes gestellt. Und der Umstand, dass sich seine Gesundheit wider jede ärztliche Prognose schließlich doch entscheident verbessert hat, mutet fast wie ein kleines Wunder an. Ende der 70er Jahre begann Jotzo mit einem Tagesprogramm: Gymnastik, Treppensteigen und jeden Tag etwa sechs Kilometer gehen. Heute ist er beweglicher als viele andere in seinem Alter.

Nächstes Jahr feiert Jotzo seinen 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass plant er eine spektakuläre Aktion. Er möchte die Strecke zwischen seiner neuen Heimat Mainz-Hechtsheim und der "alten Heimat", dem heutigen polnischen Gradzkie, zu Fuß und mit Rollerskates bewältigen. Die rund 1600 Kilometer vom Rhein bis an die masurischen Seen hat er in Tagesetappen zu je 40 Kilometern unterteilt. Am 30. April frühmorgens soll es losgehen.

Dann, so hat der Marathon-Mann ausgerechnet, könnte er bis zum 8. Juni, seinem Geburtstag, am Ziel sein. Außerdem hat der Hechtsheimer sein Vorhaben dem Guinessbuch-Verlag vorgeschlagen. Mit Erfolg. Die Rekord-Richter ließen sich von der Idee überzeugen. Und so wird der lange Marsch zum Rekordversuch. Damit verbindet sich eine weitere Idee: Johann Jotzo sucht Sponsoren. Nicht für sich persönlich, das betont er ansdrücklich. Das Geld soll einer Stiftung zufließen, die er schon 1995 mit 12.000 Mark-Startkapital gegründet hat.

Dieser Grundstock hatte sich über Jahre aus eingesparten Rauchergroschen angesammelt und ist mittlerweile auf rund 35.000 Euro gewachsen. Aus den Zinsen soll eine Personalstelle für die CVJM-Jugendarbeit in Mainz finanziert werden.

Von Jörg Echtler

18.08.2002 09:00 Alter: 17 Jahre