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15.10.2019 : 18:50

Ausführliche Meldung

Eine Pilgerreise auf acht Rollen

Johann Jotzo fährt mit Inline-Skates nach Polen / 1600 Kilometer in 40 Tagen

Von unserem Redaktionsmitglied Achim Reinhardt

Einen Pilger stellt man sich irgendwie anders vor. Ohne Inline-Skates, ohne Armschützer, ohne Knieschoner, ohne metallisch glänzenden Schutzhelm. Und ohne die neongrüne Beuteltasche vor dem Bauch. Biblisch wirkt an Johann Jotzo nur der lange Holzstock, mit dem sich der Mann auf holprigem Gelände abstößt und mit dem er bremst. Wer in und um Hechtsheim spazieren geht, begegnet dem flotten älteren Herrn auf Inline-Skates öfter. Denn Jotzo trainiert zurzeit für seine ganz große Tour.

Nach Masuren zieht es den 69-Jährigen, in 40 Tagen will er 1600 Kilometer zurücklegen - zu Fuß und auf Rollen. Pünktlich an seinem 70. Geburtstag wird Jotzo seinen kleinen Geburtsort Funken erreichen, der heute auf polnisch "Gradzkie" genannt wird. Am 30. April um 7 Uhr am Rathaus soll es losgehen, am 8. Juni will er - so der Plan - die alte Heimat erreicht haben, um dort mit seinen früheren Schulfreunden Herbert und Artur zu feiern. "Von morgens 7 Uhr bis abends 19 Uhr will ich jeden Tag auf Achse sein", plant Jotzo. Quer durch Deutschland und quer durch Polen wird ihn der Weg führen.

Zur Vorbereitung war er im vergangenen Herbst schon mal vier Tage in Thüringen unterwegs, und hat festgestellt: "40 Kilometer am Tag sind zu schaffen." Es wird eine spektakuläre Aktion, bei der für Jotzo am Ende vielleicht ein Eintrag ins Guinness-Buch steht. Der Verlag hat seine Pilgerreise als Rekordversuch angenommen.

In der Tasche hat Protestant Jotzo dabei einen Begleitbrief von Karl Kardinal Lehmann. "Gottes reicher Segen begleite Sie auf Ihren Wegen", wünscht ihm der Bischof darin. Jotzo weiß, dass er den Schutzbrief gut gebrauchen kann: "Die Reise ist mit vielen Gefahren und Risiken verbunden." Die erste Reaktion seiner Frau und seiner vier erwachsenen Kinder, als Jotzo seinen lange geheim gehaltenen Plan zur Diskussion stellte, war auch alles andere als euphorisch: "Bist du denn noch ganz bei Trost?" Doch der Pilger konnte seine Familie von der Richtigkeit der Fahrt überzeugen: "Inzwischen geben die mir viele Ratschläge", erzählt Jotzo.

Woher die Motivation für die Reise stammt? Vor allem eines macht dem Pilger Mut, von seinem Ziel nicht abzulassen: "40 Tage für 70 Jahre", lautet seine Motivation. Mit der großen Fahrt will er Gott danken, wie er sagt. "Beim Nachdenken über mein Leben ist mir klar geworden, wie Gott mich geleitet hat und mir Leute an die Seite gegeben hat", blickt Jotzo zurück. "Immer wenn ich glaubte, mein Leben steht am Ende, ging's nicht nur wieder weiter, sondern auch bergauf."

Wenn Jotzo sich an seine glückliche Jugend auf dem Bauernhof erinnert, an die Flucht zuerst 1945 aus Ostpreußen und dann 1952 aus dem "Arbeiter- und Bauernstaat", schießen ihm die Tränen in die Augen. Bis heute bewegen ihn die Erlebnisse, die furchtbare Erfahrung, plötzlich vor dem Nichts zu stehen: "Auf der Flucht wäre ich mehrmals fast zu Tode gekommen."

Diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen: Jotzo hatte als junger Mensch für die Sowjetarmee schuften müssen, als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter ruinierte er sich bei Holztransporten die Wirbelsäule. "Mit 50 Jahren sind sie gelähmt", lautete 1958 die niederschmetternde Prognose der Ärzte. Doch Jotzo gab den Kampf gegen sein Rückenleiden nicht auf. Mit 35 gymnastischen Übungen am Tag wendete er ein Leben im Rollstuhl ab. "Ich bin heute gesünder als vor 30 Jahren", findet Jotzo.

Der pensionierte Beamte revanchierte sich auf seine Weise: Vier Christliche Vereine junger Menschen (CVJM) hat er inzwischen gegründet und 1995 die Johann-Jotzo-Stiftung ins Leben gerufen, mit der er missionarische Jugendarbeit unterstützt. Das reicht ihm aber nicht als Geste seines Dankes. Die Pilgerreise soll ein Signal setzen: "Ich will damit Brücken bauen, zwischen Alt und Jung, Krank und Gesund, Arm und Reich", sagt Jotzo.

05.04.2003 09:00 Alter: 17 Jahre